Gemeindebrief – Winter 2018

Liebe Gemeinde,

in dieser Jahreszeit feiern wir den Abstieg des Lichts der Welt in unsere dunkle Erde. Der Christus sucht in der Menschen Seele eine Stätte, woraus er wirken kann. Wie mag eine solche Stätte aussehen?
Wenn man in der Winterzeit durch den amerikanischen Bundesstaat Arizona zum Grand Canyon fährt, führt der Weg zunächst durch eine weite, karge, gleichmäßige Ebene. Verkrümmte Pinien und Wacholderbäume sowie Wüstensalbei wachsen scheinbar bis zum unendlichen Horizont hin. Kein Zeichen in dieser Ödnis gibt auch nur eine leise Vorahnung auf die majestätische und abgrundtiefe Schlucht, die sich öffnet, sobald man den Rand dieses Wunderwerks der Natur erreicht.
Diese Schlucht mit ihrer fast 2000 Meter tiefen Kulisse lag vor 6 Millionen Jahren noch fast vollständig in den Erdentiefen verborgen. Wie eine im Marmor verborgene Skulptur, ehe der Bildhauer Hammer und Meißel ansetzt, entstanden die Windungen und Konturen des Canyons aus dem sich-hinein-ritzenden Colorado-Fluss in seiner Mitte. Erst aus der Ebene, dann immer tiefer und tiefer, wurden von einem mit unendlicher Geduld ausgetragenen Erd-Abbau-Prozess über unvorstellbar lange Zeiträume hin die Ausgrabungen vollzogen. Und je tiefer die Wunde in dieser einstigen Ebene auseinanderklaffte, umso beeindruckender wurde sie.
Heute ist dieser Ort eins der meist besuchten Naturwunder der Welt. Viele suchen diesen Ort jedes Jahr auf, um am Rande der Ödnis in ihre Tiefe blicken zu können. Einige wagen auch den Abstieg herunter zum Colorado-Fluss. Auffällig ist, dass wir Menschen geradezu angezogen werden von dem Anblick einer solchen Welten-Tiefe. Nicht in der unberührten Ebene, sondern in dem Abgrund sucht der Mensch für sich Erneuerung, sucht er neue Perspektiven.
Der Christus sucht nicht die flachen und unberührten Stellen der menschlichen Seele, sondern er kann sich nur verbinden, wenn sich ein Abgrund dem Himmel öffnet. Finden wir den Mut, in den Abgrund zu schauen, erblicken wir den Ort, der seit fernen Zeiten als Geburtsstätte vorbereitet wird.
In den kommenden Festeszeiten wollen wir zusammen mit Ihnen die Frage nach seiner Wiederkunft im Menschen stellen. Inwiefern beinhaltet das Leben und Wirken des Jesus von Nazareth Hinweise auf seine Wirksamkeit hier und jetzt?
Inwiefern können die Abgründe der menschlichen Seele darauf vorbereiten, sein Wesen zu empfangen? Sowohl das Evangelium als auch die Teilnahme an den Sakramenten kann uns mit entscheidenden Hinweisen und neuen Erkenntnissen beschenken.

Mit adventlichen Grüßen im Namen des Kollegiums,
Marcus Knausenberger