Gemeindebrief – Winter 2022 / 2023

Liebe Gemeinde,
mit der Geburt beginnen wir unseren Lebensweg auf der Erde, für den wir uns vielfältige Erfahrungen vorgenommen haben. Zuerst bedeutet das Geborenwerden, den Leib zu ergreifen und die Welt kennen zu lernen. Uns mit unseren geistigen Impulsen zu verbinden, sie zu erkennen und zu verwirklichen, prägt dann das weitere Leben jedes Menschen auf einzigartige Weise. Wir sind immer Werdende. Zu diesem Werden gehören all die Zweifel und inneren Sterbeprozesse dazu, die wir erfahren und ebenso das wunderbare Erlebnis, dass wir uns wieder neu finden und aufrichten können. In all diesen Erfahrungen begleiten uns geistige Wesen, und die Christuswesenheit ist unserem menschlichen Werden auf besondere Weise verbunden.
Die Adventszeit lädt uns dazu ein, innerlich hinein zu lauschen in die tiefe geistige Ruhe, die unser Leben umfängt. Sie beginnt in der lauschenden Seele zu klingen und lässt uns die nahende Geburt des Weihnachtslichtes erahnen. So bereiten die Adventswochen uns darauf vor, mit offenen Seelen dem Kommenden zu begegnen.
In der Heiligen Nacht wird die geistige Sonnenkraft unserem Erdendasein wiederum geschenkt, wird neu geboren. Aus ihr schöpfen wir heilende Kräfte für unser Leben. Diese zu bewahren und zu pflegen ist unsere Aufgabe als Menschen – nicht nur für unsere eigenen Wandlungsprozesse, sondern auch für alles, was wir in der Welt miteinander bewältigen und verwandeln wollen.
Ich wünsche Ihnen einen guten inneren Weg durch die Advents- und Weihnachtszeit und grüße Sie herzlich im Namen des Pfarrerkollegiums, Anke Nerlich

Gemeindebrief – Michaeli 2022

Liebe Gemeinde,
Wenn wir einmal auf die uns umgebende, belebte Natur schauen, sehen wir als ein großes Reich die Welt der Pflanzen vor uns. Es gibt eine Überfülle von Arten und Sorten, alleine schon beim Obst. Wir kennen hier bei uns nur eine kleinste Auswahl. Die Pflanzen leben ganz aus dem Vererbungsstrom, und so vielfältig sie auch sind, sich unterscheiden, z.B. eine Rose von der anderen, haben sie doch nichts Individuelles. Bei den Tieren kommt zur Vererbung noch die Sozialisation hinzu. Wie eine Katze aufwächst, in welcher Umgebung, welche Erfahrung sie macht, prägt sie und macht sie eigen. Dennoch gehören alle Katzen, so unterschiedlich sie sich auch darleben, doch der Gattung, der Art „Katze“ an.
Wie ist das bei uns Menschen? Auch wir gehören alle zur Gattung „Mensch“, haben einen Vererbungsstrom aus dem wir kommen, werden sozialisiert, geprägt durch die Menschen, die Umgebung, die Kultur, die äußeren Einflüsse, die wir erleben. Wir alle sind Menschen. Das eint uns. Rudolf Steiner spricht nun verschiedentlich darüber, dass aber jeder Mensch eine eigene Gattung ist, eine eigene Art. Dieser bahnbrechende Gedanke verändert eigentlich alles bisher Gewesene.
Letztlich schauen wir auf andere Menschen meistens ja aus unseren eigenen Erfahrungen, Vorstellungen und Idealen. So hört man öfter den Satz, dass dieser oder jener Mensch ganz vom Weg abgekommen sei – oder man gibt Ratschläge, die eben auch ganz aus dem Eigenen kommen: Würde er nur dies oder jenes anders machen, so würde er besser zurechtkommen, müsste nicht immer wieder scheitern, oder diese Fehler machen.
Im Beschäftigen mit den Biographien bekannter und unbekannter Persönlichkeiten kann einem manches aufgehen. Wenn man den „roten Faden“ eines Menschen durch sein Leben aufmerksam verfolgt, wie er aufwuchs, wie seine Vorfahren ihn prägten, sein Umfeld Einfluss genommen hat, wie er sich vielleicht dennoch ganz anders entwickelt hat, sein Leben gestaltet hat, Fehler begangen hat, daraus gelernt hat oder eben nicht, kann sich eine Spur seiner Individualität, seines Kerns, zeigen, der sich in seiner individuellen Biographie darlebt.
Die Frage: „Warum“ sich dieses oder jenes in seinem Schicksal ereignet, warum er Erfahrungen machen muss, Fehler und sog. Abirrungen erleben muss, kann zu der Frage: „Wozu“ verwandelt werden. Denn was durch jeden von uns Menschen offenbar werden soll, was der Einzelne zu entwickeln hat, kann so von außen gar nicht beurteilt werden (siehe der Blindgeborene im Johannesevangelium, Joh. 9,1).
Alles was ein Mensch getan und auch nicht getan hat, wie er dachte, aus welchen Idealen er lebte, ist einzigartig und kann nie verglichen werden. Jeder von uns ist fähig, Vererbung und Sozialisation zu überwinden, ganz andere Wege zu gehen, als die Vorfahren und Menschen in seiner Umgebung. Wir können frei werden von unserer Prägung. Es ist das Geheimnis des Ich, das sich in jedem von uns ausspricht und darlebt.
Um sich dem zunächst verborgenen Ich eines anderen Menschen annähern zu können, muss ich lernen, mich, man könnte sagen, zu „reinigen“. Alles zurück zu lassen, was ich selber denke, meine Vorstellungen, wie Leben geht, wie einer zu sein hat. Das ist eine allerhöchste Herausforderung, denn alles muss neu werden, oder besser: Alles muss durch das Nadelöhr hindurch! Und das ist richtig Arbeit, schmerzvoll, weil alles da hindurchmuss, alles zurückgelassen werden muss. Denn so vieles hindert uns, weil unsere Seele voll von Vorstellungen ist, wie etwas, jemand zu sein hat. Wie man sich verhalten muss, ob sich einer mehr anstrengen sollte, oder endlich mal weniger tun sollte.
Doch keiner kann aus diesen alten Vorstellungen heraus wissen, wie ein anderer Mensch zu sein hat. Durch die Katharsis, die Reinigung der eigenen Seele, durch Umschmelzen von eigenem Denken, von Empfindungen und Willensimpulsen, kann die Seele den freien Blick erüben, so auf seinen Menschenbruder zu schauen, dass sie vielleicht zart ahnen kann, wie der andere gemeint ist.
Fjodor M. Dostojewski hat es einmal so treffend formuliert: „Einen Menschen lieben heißt, ihn so sehen, wie Gott ihn gemeint hat.“
Bei all diesen Prozessen kann ein Gedanke helfen: Einer steht auf der anderen Seite des Nadelöhrs, spricht uns Mut zu, winkt uns herüber: Michael, dieses hierarchisch hohe Engelwesen, das uns Menschen so nahesteht, ruft uns in diesen herausfordernden Weltentagen im Großen wie im Kleinen Tag für Tag zu: Folge mir!
Vielleicht hat man das große Glück, dass man Mitstreiter im Leben findet, Menschen, die ganz anders auch auf diesem Weg sind, die ein Herz, ein Ohr für einen haben, für mein individuelles Schicksal. Denn auch wenn wir alle diesen Weg selber gehen müssen, so ist es doch eine große Gnade, wenn wir Weggefährten finden.
Möge unsere Gemeinde ein solcher Ort werden, wo wir ein ander Weggefährten sein können, uns Trost und Mut zusprechen, wo es eng und unerträglich scheint.
In diesem Sinne grüße ich Sie herzlich in alle Winkel unserer Gemeinde,
auch im Namen meiner Kollegen, Ihre Alexandra Messias

Gemeindebrief – Pfingsten Johanni 2022

Liebe Gemeinde,
ein wichtiges, wiederkehrendes Motiv in den Evangelien ist das Thema der Mitte. Jesus bleibt mit der Ehebrecherin allein in der Mitte, nachdem ihre Ankläger den Tempel verlassen haben. Der auferstandene Christus erscheint immer wieder „mitten unter den Jüngern“, wenn sie sich nach Ostern versammeln. Und auch Johannes greift dieses Thema in seiner Verkündigung zur Sinneswandlung auf: „Mitten unter euch wandelt einer, den ihr nicht kennt, und dessen Sandale zu öffnen ich nicht würdig bin“.
Was oder wer ist diese Mitte und wie können wir sie für uns verstehen? Stellen wir zunächst die Frage an uns selber: Wo oder was ist „meine“ Mitte? Fühle ich mich jetzt in meiner Mitte oder eher außerhalb ihrer? Was kann ich tun, um die Mitte meines Wesens aufzuspüren? Und dann – was hat diese Mitte mit meiner Verbindung zum Wesen des Christus zu tun? Gehen wir der Beschreibung des Evangeliums nach, so wird deutlich, dass die Mitte ein Ort des Versammelns oder schlichtweg nur des Sammelns ist. In der Mitte findet man sich einträchtig beisammen – versammelt als Teil eines Ganzen – entweder in Gemeinschaft mit anderen oder alleine. Wesentlich ist das Auftreten des Christus „mitten unter“. Die Mitte scheint ein Ort zu sein, der auf besondere Weise mit dem Christus in Zusammenhang steht.
Unsere Epistel in der Johannizeit erweitert den Blick auf die Mitte um eine weitere Dimension. Mit ihrem rhythmischdramatischen Wortlaut wird die Bedeutung der Mitte noch einmal gesteigert. Hier heißt der Raum, welcher mit dem Wesen des Christus verbunden ist, Welten-Mitte. Weiter heißt es, dass die allwaltende, allsegnende Kraft des Vaters in der Weltenmitte zur Christus-Sonne reift. Indem wir uns immer wieder sammeln – gemeinschaftlich und alleine – und die Mitte pflegen, nimmt sie eine Qualität auf, welche unsere Mitte zur Weltenmitte werden lässt.
Aber ebenso wenig, wie wir ein Licht um des Lichtes willen anzünden, sondern, weil es die Gegenstände des Raumes erhellt und sichtbar macht, so suchen wir die Mitte nicht um der Mitte willen auf, sondern weil die Christus-Sonne, welche selbst die Mitte ist, dadurch auf die Tatsachen unseres Lebenswegs leuchten mag.
In diesem Sinne wünsche ich Ihnen eine lichte Johannizeit, auch im Namen des Pfarrerkollegiums, Marcus Knausenberger

Gemeindebrief – Passion Ostern Pfingsten 2022

Liebe Gemeinde,
ein passionierter Angler oder ein leidenschaftlicher Segler üben ihre Tätigkeit ganz besonders gern aus. Seltsam, dass ihre Taten mit Leiden in Verbindung gebracht werden. Denn eigentlich machen sie den Anglern und Seglern doch besonders viel Spaß. Das deutsche Wort für „Passion“ heißt „Leiden“. Eine Leidenschaft kann dazu führen, dass sie in einer Passion mündet, wenn sie zu einseitig ausgeübt wird. Seelische und physische Schmerzen sind die Folge von Übertreibungen. Dort, wo ein mittleres Maß erhalten bleibt, kommt es nicht zum Leid. Gesundheit entsteht dort, wo der Körper oder die Seele genügend Kraft hat, um für einen Ausgleich zu sorgen. Einseitigkeit kann in die Krankheit führen.
Die nun beginnende Passionszeit zeigt uns, dass wir als Menschheit immer wieder in die Gefahr kommen, einseitig zu werden und nur das für wahr halten, was wir in der äußeren Welt wahrnehmen. Dann leben wir in dem kalten geistverlassenen Erdenhaus, weil wir vergessen haben, dass es die Welt des Geistes gibt, die genau so real ist, wie die Sinneswelt. Nur in der Geisteswelt zu leben würde bedeuten, dass wir jede Bodenhaftung verlieren. Das wäre auch ungesund. Christus kam in die Welt, um uns einen Weg zu zeigen, der die Menschheit einerseits ganz in der irdischen Welt beheimatet und andererseits das Leben im Geist ermöglicht. So wird er der Heilende, der uns vor der Einseitigkeit bewahrt und neue Lebendigkeit schenkt.
Er selbst hat sein Leiden in der Passion ertragen, um für die Zukunft der ganzen Menschheit zu zeigen, was geschieht, wenn wir unser Leiden annehmen und verwandeln. Dann kann Ostern werden. In der Überwindung des alt gewordenen entsteht Auferstehung und damit Zukunft.
Wenn wir in diesem Jahr auf Ostern zugehen, können wir den Blick weiten für die Passion der Erde. Da scheint auch etwas aus dem Gleichgewicht geraten zu sein. Die Natur ächzt unter der Last, die wir ihr durch unseren Verbrauch zumuten. Das Gleichgewicht der Ökosysteme ist dadurch in Gefahr geraten und durch Naturkatastrophen auch das Überleben vieler Menschen. Auch im Zusammenleben in kleinen und großen Gemeinschaften treten immer häufiger Einseitigkeiten auf, die der Heilung bedürfen.
Mit seinem Durchgang durch den Tod zeigt uns der Christus den Weg. Hinsehen und annehmen, was ist, schafft die Vorraussetzung dafür, dass überhaupt erst Wandlung geschieht. Doch wir müssen erst mitten im Leben leiden und sterben, damit sich aus dem Leid Auferstehung entwickelt. In der Ohnmacht entsteht der Raum, in dem zu uns sprechen kann, was aus der Geisteswelt zu uns kommen will.
Es grüßt Sie ganz herzlich, auch im Namen meiner KollegInnen,
Christian Bartholl

Gemeindebrief – Winter 2021 / 2022

Liebe Gemeinde,
im Advent richten wir den inneren Blick auf besondere Weise darauf, was sich uns aus der Zukunft naht: Die Verheißung des Weihnachtslichtes klingt in unsere Seelen herein. Von neuem will es sich einleben auf Erden. Sein schöpferisches Wesen wirkt tief hinein in das Erdinnere und beschenkt es mit neuen Lebenskräften. Auch in die Herzen der Menschen möchte es einziehen, es möchte unser Inneres durchlichten.
Jenseits des bewegten täglichen Lebens breitet sich große Ruhe aus, die uns innerlich still werden lässt und uns einlädt dazu, auf das zu lauschen, was in uns hörbar werden möchte. In dieser dunkelsten Zeit des Jahres können wir uns im freudigen Zugehen auf die Heiligen Nächte vorbereiten darauf, das herannahende Weihnachtslicht empfangen zu dürfen.
Dass es uns immer wieder von neuem zukommt, fortwährend unser Leben erfüllend und stärkend, ist ein wundervolles Geschenk für uns Menschen. Mögen Sie dankbar und mit offenen Herzen diese Adventswochen erleben können!
Eine stärkende Advents- und Weihnachtszeit
wünscht Ihnen im Namen des Pfarrerkollegiums Anke Nerlich

Gemeindebrief – Michaeli 2021

Liebe Gemeinde,
zu Pfingsten erlebten die Menschen an den Jüngern eine tiefgreifende, gnadenvolle Verwandlung: Sie hatten eine ganz neue Stimmung in ihrer Seele, hatten alle Engigkeit und Eigensüchtigkeit des Lebens verloren, hatten ein unendlich weites Herz, eine umfassende Toleranz im Inneren gewonnen, ein tiefstes Herzensverständnis für alles, was menschlich ist auf der Erde. Dies kann einem ja ein höchstes Ideal werden, was in den Jüngern damals schon lebendig geworden war. So heißt es dann zu Johanni auch: Ändert euer Leben von Grund auf! So wie wir sind, können wir dieses Ideal noch nicht verwirklichen.
Zu Michaeli steht der Drache bildhaft vor uns. Heute müssen wir sagen: Er ist in uns, in unserer Seele, dort werden wir mit seinen Kräften konfrontiert, da geschieht die Auseinandersetzung. Die „Drachenkräfte“ haben immer die Tendenz, Fremdes zu vernichten, zu töten. Es sind seine Waffen, die Waffen des Widersachers, die uns dazu anstacheln zu vernichten, was uns fremd ist. So kann der Drache selbst nicht getötet werden, er muss anders überwunden werden. Das lehrt uns Michael, wie wir es auf zahlreichen Darstellungen sehen können.
Aber wie kann ich dem Drachen begegnen, meinen „Fuß“ auf ihn setzen? Wenn wir den Christus auf Seinen Wegen begleiten, erleben wir, wie er nicht auf die soziale Stellung der Menschen achtete, nicht darauf, ob die Menschen anders dachten, aus anderen Kulturen oder Religionen kamen, ob sie ganz anders waren, fremd waren, sondern es war Ihm allein wesentlich, ob sie sich auf eine Begegnung mit Ihm einließen. So könnte man auch sagen, die „Waffen des Christus“ waren Integration und Empathie, bei Ihm letztlich Liebe. Das hieße für uns heute als Lernweg: Sich auf das Fremde einzulassen, sich zu interessieren, den eigenen Standpunkt zu befragen, notfalls zu korrigieren. Dabei soll die eigene Mitte nicht aufgegeben werden. Sie wird im Gegenteil durch die echte und anerkennende Begegnung mit dem anderen Menschen gestärkt.
All das schwächt den Drachen, der immer einen Vernichtungswillen hat, aus Angst, das Eigene dadurch zu verlieren. Er scheut echte Hingabe, er zeigt kein Interesse für Andersartiges. „Opfern“ ist heute fast schon zum Schimpfwort geworden. Auf Schulhöfen wird es als größtmögliche Entwertung dem Anderen zugerufen: Du Opfer! Einer hat sich bewusst, in voller Liebe und Stärke zum Opfer für uns alle gemacht. Er hat sich hingegeben an all das, was Sein Erdenschicksal mit sich brachte: Leiden und letztlich den Tod. Eigene Vorstellungen opfern zu lernen, den göttlichen Willen in das eigene Leben zu integrieren, in den eigenen Willen, bildet in uns eine neue Beziehung zu uns selber und zur Welt. Durch die Tat des Christus auf Golgatha können wir dieses Neue, die Pfingstkraft, die wir auch die Kraft der Integration, eines umfassenden Verständnisses für alles Menschliche auf der Erde nennen, ein unendlich weites Herz in uns lebendig machen. Michaeli lenkt unseren Blick auf den Drachen in der eigenen Seele, auf unseren „Schatten“, der auch Doppelgänger genannt werden kann. Die Auseinandersetzung mit diesen dunklen Anteilen ist heute Voraussetzung, um dieses Finstere in Licht zu verwandeln, den „Fuß“ auf den Drachen zu stellen, ihn beherrschen zu lernen.
Michael kann uns lebendiger Beistand, kann uns Bruder und Weggefährte werden, wenn wir uns mit seinen Kräften verbinden wollen. Er ist keine Gestalt aus vergangenen Sagen und Mythen, sondern kann als reale, anteilnehmende Kraft an all unseren Schicksalen erlebt werden.
Der Umgang mit diesen Kräften, die Begegnung mit dem „Doppelgänger“, auch mit den Todeskräften, soll im folgenden Programm im Zentrum stehen, einmal aus priesterlicher Sichtweise und einmal aus psychotherapeutischer. Dazu haben wir Martina Alexi, die als Priesterin in Greifswald arbeitet, sowie Prof. Dr. Till Florschütz, der als Psychotherapeut, Musiktherapeut und Supervisor in Hamburg tätig ist, eingeladen.
Der Umgang mit diesen Kräften, die Begegnung mit dem „Schatten“, auch mit den Todeskräften, soll im folgenden Programm im Zentrum stehen, einmal aus psychotherapeutischer und einmal aus priesterlicher Sichtweise. Dazu haben wir Prof. Dr. Till Florschütz, der als Psychotherapeut, Musiktherapeut und Supervisor in Hamburg tätig ist, sowie Martina Alexi, die als Priesterin in Greifswald arbeitet, eingeladen. Wir hoffen auf einen erfüllten Herbst mit Ihnen, auf Begegnung und Vertiefung, und wir wünschen Ihnen Kraft und Licht für die Herbstzeit!
Auch im Namen meiner Kollegen, Ihre Alexandra Messias

Gemeindebrief – Pfingsten Johanni 2021

Liebe Gemeinde,
wenn wir an Spuren denken, stellen wir uns meist die eigenen Fußabdrücke vor, welche wir irgendwo hinterlassen, vielleicht am Nordseestrand in der Sommerzeit. Spuren haben aber immer etwas Gegenseitiges: es gibt den, der die Spuren hinterlässt und den, der die Spuren aufnimmt. Spuren zeugen von Berührung, Verbindung und Beziehung. In uns tragen wir Spuren vieler Menschen, denen wir in unserem Leben begegnet sind – wie wir in vielen Menschen auch unsere Spuren hinterlassen. Es gibt Spuren, an die wir gerne zurückdenken, und solche, die wir am liebsten ganz vergessen würden. Sie alle bilden die Grundlage unseres Gedächtnisses und damit den Kern unserer Identität.
Der renommierte Neurobiologe Eric Kandel verbrachte sein Leben mit der Suche nach einer biologischen Grundlage des menschlichen Gedächtnisses. Er wollte herausfinden, ob und wie eine durchgemachte Erfahrung bleibende physiologische Änderung in unserer Leiblichkeit verursacht. In seinem Werk „In Search of Memory“ beschreibt der Forscher einen der bedeutsamsten Durchbrüche seiner langjährigen Tätigkeit. In seinen ersten Forschungsjahren hatte er in den kleinsten Bestandteilen des Körpers – in den einzelnen Zellen – nach Zeichen der Erinnerung gesucht. Doch solange er sich auf Einzelheiten fixierte, blieb diese Suche erfolglos. Nach und nach erweiterte sich sein Blick und half ihm, die entscheidende Erkenntnis zu gewinnen: dass die Erinnerungen ihren Sitz nicht in einzelnen Zellen, sondern vielmehr in den Verbindungen dieser haben. Diese Verbindungen nennt man Synapsen (aus dem Griechischen haptein: greifen, tasten, fassen). Gedächtnis wird also im menschlichen Leib nicht vereinzelt, sondern von vielen verbundenen Zellen „gemeinschaftlich“ erzeugt und getragen.
Dies gilt auch im großen Sinne: ein Mensch trägt die Spur seiner Erfahrung nie allein. Wir tragen sie gegenseitig. Eric Kandel entdeckte Spuren des Gedächtnisses in den Verbindungen zwischen den Zellen. Vielleicht können wir, indem wir den Blick über unsere Einzelerfahrung hinaus erweitern, ebenfalls entdecken, dass sie Teil eines Ganzen ist, welches erst durch unser Verbundensein vollständig zutage treten kann. Dieses Verbundensein bildet, wie Paulus in seinem Korintherbrief beschreibt, den Leib Christi.
Mit sommerlichen Grüßen, auch im Namen meiner KollegInnen, Marcus Knausenberger

Gemeindebrief – Passion Ostern Pfingsten 2021

Liebe Gemeinde,
die Weihnachtszeit liegt nun schon eine Weile hinter uns. In ihr haben wir die Geburt der Christus-Sonne in uns gefeiert. Zum Beginn der Passionszeit ist die Natur noch nicht erwacht. Oft zeigt sie sich von ihrer grauen Seite. Die Einschränkungen im Alltagsleben durch die Corona-Pandemie hinterlassen ihre Spuren in der Seele. In der Menschenweihehandlung heißt es in dem Gebet zur Passionszeit auch noch, dass unser Ich klagend am Boden liegt. Die Farbe der Festzeit ist das Schwarz. Dunkelheit, die Schattenseite ist ein Teil des Lebens, den wir uns nicht so gerne anschauen. Jeder trägt in seinem Innern etwas mit sich, auf das er nicht schauen mag, weil das, was zu sehen ist, zu schmerzhaft ist. Oft wirken diese Schattenseiten unbewusst in unser Leben hinein und binden uns, wo wir eigentlich aus unserem Ich handeln wollen. Passion wird von vielen als Fastenzeit begangen. Ein seelisches Fasten könnte darin bestehen, auch auf die eigenen Schattenseiten zu schauen, um die Fesseln zu lösen, die aus diesem Bereich auf uns wirken.
In dem erwähnten Gebet zur Passionszeit wird darum gebeten, dass das klagende, am Boden liegende Ich vom Geist erhoben werden möge. Die eigene Bemühung wird zur Grundlage dafür, dass der Geist unser Selbst stärken kann. Er führt uns zu uns selbst, hilft zu finden, was verstellt und verborgen war. Wer sich seinem wahren Selbst nähert, wird bemerken, wie das Ich, das klagend am Boden liegt, Hilfe aus dem Geist bekommen kann und aufrecht durch das Leben geht. Das kann die Frucht aus der inneren Passionsarbeit sein: Zu Ostern erscheint die Christussonne, die zu Weihnachten im Innern geboren wird, im Auferstehungsglanz.
Es grüßt Sie ganz herzlich, auch im Namen meiner KollegInnen, Christian Bartholl

Gemeindebrief – Winter 2020 / 2021

Liebe Gemeinde,
Rudolf Steiner sprach vor über 100 Jahren etwas aus, was für die bestehenden Kirchen, für die Menschen damals geradezu eine Erschütterung ausgelöst haben muss. Das alte Gottesbild vermittelte dem Gläubigen, dass der Vater „oben“ im Himmel wohnt, der Teufel „unten“ in der Hölle. Der Gläubige hatte sich nun zum Vater oben im Himmel zu erheben, sich geradezu dem Vater wie entgegen zu strecken, und so sündenfrei wie möglich sein Leben zu führen, es rein zu halten, um sich so dem Teufel, unten in der Hölle, soweit es nur eben geht, zu entwinden, sich ihm fern zu halten.
Eine ungeheure Spannung liegt in diesem Bild, das auch zeigt, in welch große Not der Gläubige dadurch gebracht wurde. Denn ohne Sünde, ohne Absonderung, ohne Fehler können wir Menschen nun einmal nicht leben. Nun wird ein ganz neues Bild vor unsere Seelen gestellt. Ein Bild, das uns bis heute beschäftigen kann. Rudolf Steiner spricht davon, dass der Mensch zwischen zwei Widersachermächten steht – der Mensch selbst in der Mitte. Die eine Macht will ihn von der einen Seite her dazu verlocken, erdenflüchtig zu werden, sich loszulösen von der Erde, sich nicht so ganz mit ihr zu verbinden. Die andere Macht möchte den Menschen tief in die Erdenverhältnisse hineinverstricken, ihn an die Erde binden, so dass er ganz „Materialist“ wird, den Himmel vergisst, schließlich verleugnet. In unserer Weihnachtsepistel tauchen Worte auf, die diese beiden Mächte so beschreiben: Wir Menschen leben in der ständigen Gefahr, einseitig zu werden. Wir brauchen eine Kraft, die uns löst von „trügendem Scheinlicht…von würdeloser Sinnensucht“.
Es geht nicht darum, die Einseitigkeiten zu verhindern. Das können wir gar nicht. Es geht darum, die Mitte immer wieder neu zu bilden. Dass wir uns nicht in der Einseitigkeit verlieren. Dazu brauchen wir eine höhere Instanz, die uns in diesem Ringen erkraftet.
Der Christus wählte Brot und Wein als die geeigneten Träger, um Seine Wesenssubstanz aufzunehmen, die sich mit diesen beiden Substanzen verbindet. „Sal und Sulphur“ nannte man die beiden Prozesse in alten Zeiten, die im Brot und im Wein durch die Wandlung entstehen. Die Wandlung der Substanzen kann nur der Christus vollbringen. Durch die Gaben des durch den Christus gewandelten Brotes und Weines strömen dem Menschen die Kräfte zu, die es ihm ermöglichen, ein gesundes Verhältnis zur Erde, und ein gesundes Verhältnis zur geistigen Welt zu gewinnen. Der Christus will uns dabei unterstützen, dass wir immer neu unsere Mitte bilden, uns stärken, damit wir die Erde ergreifen, ihr aber nicht verfallen, und dass wir ein neues, immer freieres Verhältnis zur geistigen Welt bilden.
Als Kultusgemeinschaft können wir aufmerksam darauf werden, dass der Empfang der Kommunion immer auch von der geistigen Welt gewollt wird. Dass sie darauf angewiesen ist, dass wir Menschen Leib und Blut Christi in uns aufnehmen, um diese mittebildende Kraft in die Welt zu tragen. Die Kommunion ist nie nur für uns selber, sondern sie will immer eine Dynamik entfalten, die sich der Welt spendet. Zum Heile der ganzen Menschheit. Um diese geheimnisvollen Vorgänge besser zu verstehen und erleben zu lernen, wollen wir uns im Frühjahr mit der Frage auseinandersetzen: Was ist Kultus? Was sind Rituale? Und dann werden wir uns den kultischen Substanzen widmen: Brot und Wein; Salz, Wasser und Asche; Weihrauch und Öl. Wir werden überwiegend Vorträge haben, da wir den Eindruck hatten, dass dies mehr angenommen wird. Aber wir werden auch nach manchem Vortrag die Möglichkeit anbieten, sich im Anschluss noch auszutauschen. Das wird dann extra vermerkt.
So wünschen wir Ihnen eine lichtvolle und stärkende Advents-und Weihnachtszeit!
Ihre Alexandra Messias (ehem. Matschinsky)

Gemeindebrief – Michaeli 2020

Liebe Gemeinde,

Maria Reiche lebte in einem kleinen Haus am Rande der Wüste Perus. Es war in dieser einsamen Ödnis, dass sie zum ersten Mal Spuren im Wüstengestein erblickte: Lange, in die Landschaft geritzte Linien. Es gäbe Hunderte davon, gab man ihr zu Antwort, als sie sich näher erkundigte. Aber nein, niemand wusste, woher sie kamen oder was sie zu bedeuten haben. Und warum sollte man sich abplagen damit? In der Gegend lebten Menschen schon seit Jahrhunderten damit, und sie hatten keine Antworten gefunden. Doch damit gab Maria sich nicht zufrieden. In ihr war die Frage nach der Bedeutung der Linien entfacht. Und dieser folgte sie den Rest ihres Lebens.

1941, als der 2. Weltkrieg weltweit wissenschaftliche Arbeit zum Stillstand brachte, stieg Maria Reiche gemeinsam mit dem Historiker Paul Kosok in ein kleines Flugzeug und machte aus der höheren Perspektive eine erstaunliche Entdeckung: die Linien von Nazca waren nicht „nur“ Linien; sie waren riesige, überdimensionale Bilder. So groß waren diese Bilder, dass die allermeisten keinen Sinn ergaben, wenn sie nicht aus der Höhe betrachtet wurden. Anders gesagt, die Bilder in der Wüstenlandschaft Perus wurden über Jahrtausende buchstäblich nicht „gesehen“, weil den Betrachtern die Perspektive fehlte.

Auch die aktuelle Lage konfrontiert uns mit Phänomenen, welche sich nicht sofort erschließen. Und ja, es ist mühsam, diese zu entziffern. Seit die Covid-19 Pandemie vieles in unserem Leben zum Stillstand gebracht hat, sehnt man sich nach einer Rückkehr in das vertraute, „normale Leben“. Doch was ist das normale Leben, und wollen wir wirklich alles so haben, wie es war? Durch die Pandemie haben wir die Möglichkeit bekommen, unser Leben aus einer anderen Perspektive zu betrachten. Es sind nicht nur punktuelle Aufgaben und Verabredungen, die unseren Alltag prägen, sondern es zwängen sich Phänomene in unser Leben, welche nur dann zu verstehen sind, wenn wir sie in einen größeren Kontext stellen. Dann ergeben sich aus den Einzelheiten große Bilder. In dieser Michaeli-Zeit kann das Leben Maria Reiches für uns eine Lehre sein, unser Leben aus einer höheren Perspektive betrachten: Der Perspektive des Geistigen.

Mit besten Grüßen für die Michaelizeit,
Ihr Marcus Knausenberger